Kolumne

Komplexität frisst Marge: Warum strategisches Produktdesign über Markterfolg entscheidet

Kolumne von Therese Naef, CEO von Milani Design & Consulting, über den wirtschaftlichen Wert von Design. Und warum Klarheit in der Produktentwicklung über Marge, Geschwindigkeit und Markterfolg entscheidet.

Therese Naef Milani Design Consulting strategisches industrialdesign medizintechnik maschinenbau Therese Naef Milani Design Consulting strategisches industrialdesign medizintechnik maschinenbau

Es gibt Produkte, die man sofort versteht. Und es gibt Produkte, die man erklären muss. Beide können technisch hervorragend sein. Präzise gefertigt. Mit identischen Leistungsdaten. Und trotzdem verkauft sich eines leichter.

Der Unterschied liegt selten in der Technologie. Er liegt in der Klarheit.

Produktdesign ist keine Geschmacksache. Es ist strategisch.

Wenn wir bei Milani mit Geschäftsleitungen sprechen, geht es nicht um Formen. Es geht um Entscheidungen. Um Prioritäten. Um Positionierung. Und am Ende um Wertschöpfung.

Design beginnt mit einer einfachen Frage: Welches Problem lösen wir – und für wen?

Wachstum entsteht aus Klarheit.

Menschen entscheiden schnell. Auch im B2B. Auch bei Investitionsgütern, Medizintechnik oder komplexen Transport- und Mobilitätssystemen. In Sekunden entsteht ein Eindruck: strukturiert oder beliebig, markant oder austauschbar. Dieser erste Eindruck beeinflusst Vertrauen. Und Vertrauen beeinflusst Zahlungsbereitschaft.

In den letzten Jahren hat sich das noch verstärkt. Durch digitale und soziale Kanäle ist heute das Produkt selbst oft das stärkste Marketing.

McKinsey analysierte 300 börsennotierte Unternehmen über fünf Jahre hinweg. Das Ergebnis: Unternehmen, die Design strategisch verankern, wachsen im Umsatz 32 Prozentpunkte schneller als ihre Mitbewerber und erzielen 56 Prozentpunkte höheren Shareholder Return. Nicht wegen Ästhetik. Sondern wegen Klarheit.

Komplexität frisst Marge.

Viele Unternehmen reagieren auf Wettbewerbsdruck mit mehr Funktionen. Mehr Varianten. Das wirkt leistungsfähig, erhöht aber Komplexität. Mehr Komplexität in Entwicklung, Produktion und Service. Und Komplexität belastet die Marge.

Strategisches Produktdesign zwingt zur Fokussierung. Welche Funktionen schaffen echten Kundennutzen? Welche dienen nur interner Absicherung? Wofür ist der Kunde tatsächlich bereit zu zahlen? Dieser Moment ist unbequem. Aber genau hier entsteht Wirtschaftlichkeit.

Konsequente Nutzerorientierung ist kein Idealismus. Sie schafft Klarheit darüber, was wirklich zählt. Wer vom realen Nutzen her denkt, reduziert Variantenvielfalt, vereinfacht Stücklisten und verbessert die Skalierbarkeit.

In einem Projekt im Investitionsgüterbereich habe ich genau das erlebt. Technisch war vieles möglich. Gekauft wurde am Ende wegen zweier klarer Vorteile. Als wir das Produkt konsequent darauf ausrichteten, sank die Variantenvielfalt, die Kostenstruktur wurde transparenter und die Kommunikation klarer. Das Ergebnis war kein neues Feature. Es war eine bessere Marge.

Produktdesign wirkt nicht nur im Markt. Es wirkt auch im Betrieb. Produkte, die intuitiv funktionieren, reduzieren Fehler, Supportaufwand und Schulungskosten. Auch das ist Wirtschaftlichkeit.

Design ist Risikomanagement.

Komplexe Produkte entstehen nicht linear. Engineering, Regulatory, Produktion, Marketing und Vertrieb greifen ineinander. Jede Entscheidung beeinflusst die nächste. Je später grundlegende Fragen geklärt werden, desto teurer werden Korrekturen, Anpassungen und Verzögerungen. Gerade in regulierten Branchen potenziert sich dieser Effekt.

Deshalb beginnen wir Entwicklungsprozesse mit Nutzerforschung im Feld. Nicht im Meetingraum. Sondern mit den Menschen, die das Produkt täglich nutzen. Was wir dort sehen, verändert regelmässig die Prioritäten. Es verhindert Fehlentwicklungen, bevor sie teuer werden. Und es gibt dem gesamten Entwicklungsteam eine gemeinsame Grundlage, auf der sie Entscheidungen sicherer treffen können.

Design wirkt hier am Anfang. Bei Nutzungsszenarien, Architektur und Prioritäten. Wer diese Grundlagen sauber klärt, reduziert spätere Reibung und bringt Produkte schneller, günstiger und mit weniger Überraschungen auf den Markt.

Design gehört in die Geschäftsleitung.

Wer Design früh in die Unternehmensstrategie integriert, merkt schnell: Die Diskussionen werden kürzer. Die Entscheidungen klarer. Das Portfolio schärfer.

Design ist kein Zusatz für gute Zeiten. Es ist ein Hebel für Wachstum, Marge und Differenzierung.

Wer das versteht, hört auf, Design zu budgetieren und fängt an, es zu führen.

Über die Autorin

Therese Naef ist CEO von Milani Design & Consulting in Thalwil bei Zürich. Sie beschäftigt sich mit der Frage, wie strategisches Produktdesign wirtschaftlichen Mehrwert schafft, von der Nutzerforschung über Produktentwicklung bis zur Marktpositionierung. Mit ihrem Team arbeitet sie an Design- und Innovationsprojekten für Unternehmen aus Medizintechnik, Mobilität und Investitionsgüterindustrie.

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Veröffentlicht am: 23. März 2026