4 Handlungsfelder für kreislauffähige Arbeitskleidung
Arbeitskleidung gilt selten als Innovationsfeld. Dabei bietet kaum ein anderer Produktbereich so gute Voraussetzungen, um Kreislaufwirtschaft, Kosteneffizienz und neue Geschäftsmodelle gleichzeitig zu erproben.
Gemeinsam mit dem Beneficial Design Institute haben wir die wichtigsten Hebel für kreislauffähige Arbeitskleidung untersucht. Der Report zeigt vier Handlungsfelder, mit denen Unternehmen Ressourcen schonen, Kosten senken und neue Wertschöpfungspotenziale erschliessen können. Die Erkenntnisse basieren auf unserer Arbeit an nachhaltigen Produkten, Kreislaufstrategien und Corporate-Fashion-Projekten für Unternehmen unterschiedlicher Branchen.
Warum Arbeitskleidung ein idealer Einstieg in Kreislaufwirtschaft ist
In vielen Unternehmen begleitet Arbeitskleidung den Arbeitsalltag tausender Mitarbeitender. Sie wird in grossen Stückzahlen beschafft, gepflegt, ersetzt und verwaltet. Genau deshalb eignet sie sich ideal, um neue Ansätze der Kreislaufwirtschaft im Alltag zu erproben.
Kreislauffähige Arbeitskleidung ermöglicht es Unternehmen, Nachhaltigkeitsziele mit wirtschaftlichen Vorteilen zu verbinden. Langlebige und modular aufgebaute Kollektionen können gezielt angepasst werden, ohne komplette Bestände auszutauschen. Das verlängert die Nutzungsdauer, spart Ressourcen und reduziert Kosten. Gleichzeitig schaffen Miet- und Leasingmodelle neue Möglichkeiten, Investitionen zu senken und Verantwortung für Reinigung, Reparatur und Wiederverwendung effizient zu organisieren.
Doch die Wirkung geht über ökologische und wirtschaftliche Aspekte hinaus. Arbeitskleidung ist ein sichtbarer Bestandteil der Unternehmenskultur. Nachhaltigere Lösungen können die Identifikation der Mitarbeitenden mit dem Unternehmen stärken und als Leuchtturmprojekt dienen, um Erfahrungen mit Kreislaufwirtschaft zu sammeln. Die dabei gewonnenen Erkenntnisse lassen sich häufig auch auf andere Produkte und Geschäftsbereiche übertragen. Kreislauffähige Arbeitskleidung bietet deshalb Unternehmen einen konkreten und pragmatischen Einstieg in die Kreislaufwirtschaft.
Was bedeutet kreislauffähige Arbeitskleidung?
Kreislauffähige Arbeitskleidung verfolgt das Ziel, Materialien und Produkte möglichst lange im Einsatz zu halten und ihren Wert über den gesamten Lebenszyklus hinweg zu erhalten. Statt Rohstoffe nach der Nutzung zu entsorgen, werden sie repariert, weiterverwendet, umgestaltet oder in neue Stoffkreisläufe zurückgeführt. Die Potenziale dafür liegen entlang der gesamten textilen Wertschöpfungskette.
Für Arbeitskleidung ergeben sich daraus fünf zentrale Prinzipien:
- Re-Wear: Reparatur und Pflege
- Re-Distribution: Wieder- und Weiterverkauf, Vermieten oder Leasen
- Re-Manufacture: Nutzung einzelner Kleidungsteile für neue Kleidung oder andere Produkte
- Re-Design: Kleidungsstücke für neue Anwendungen umgestalten
- Re-Cycle: Materialien in biologische oder technische Kreisläufe zurückführen
Die vier zentralen Handlungsfelder für kreislauffähige Arbeitskleidung
Unternehmen, die Arbeitskleidung kreislauffähig gestalten möchten, sollten bereits in der Produktstrategie ansetzen. Aus der Praxis lassen sich vier Handlungsfelder ableiten, die den grössten Einfluss auf Ressourceneffizienz, Wirtschaftlichkeit und Kreislauffähigkeit haben.
Handlungsfeld 1
Der Kreislauf beginnt bei der Materialwahl
Ob Arbeitskleidung am Ende recycelt, wiederverwendet oder in einen neuen Stoffkreislauf zurückgeführt werden kann, entscheidet sich bereits bei der Materialwahl. Gleichzeitig müssen Arbeitskleider hohe Anforderungen erfüllen: Sie sollen robust, langlebig und für die industrielle Reinigung geeignet sein. Genau deshalb kommt den eingesetzten Materialien eine Schlüsselrolle zu.
Heute stehen Unternehmen verschiedene kreislauffähige Materiallösungen zur Verfügung. Dazu gehören schadstofffreie Textilien, die nach ihrer Nutzung in natürliche Stoffkreisläufe zurückgeführt werden können, ebenso wie hochwertige Recyclingfasern, die mehrfach wiederverwertet werden können. Entscheidend ist, Materialien nicht isoliert zu betrachten, sondern bereits bei der Entwicklung ihre spätere Weiterverwendung mitzudenken.
Wie dieser Ansatz in der Praxis funktioniert, zeigt Dieckhoff Textilsysteme. Das Unternehmen entwickelt Arbeitskleidung für die Gesundheits- und Hotelbranche und setzt dabei auf Textilien, die strenge Cradle-to-Cradle-Kriterien erfüllen. Ziel ist ein Materialkreislauf, bei dem ausgediente Kleidung nicht zu Abfall wird.
Die Kleidungsstücke werden über einen Textildienstleister bereitgestellt, gereinigt und wiederaufbereitet, bis die vereinbarten Qualitätsstandards nicht mehr erfüllt werden können. Anschliessend nimmt Dieckhoff Textilsysteme die Arbeitskleidung zurück und kompostiert sie industriell. Die Materialien werden so vollständig in den Stoffkreislauf zurückgeführt und als Nährstoffe weiter genutzt.
Handlungsfeld 2
Transparente Lieferketten für kreislauffähige Arbeitskleidung
Kreislaufwirtschaft funktioniert nur, wenn bekannt ist, aus welchen Materialien ein Produkt besteht und welchen Weg es durch die Wertschöpfungskette genommen hat. Die Digitalisierung schafft dafür neue Möglichkeiten. Heute lassen sich Materialien und Bestandteile eines Kleidungsstücks bis zu ihrem Ursprung zurückverfolgen. Das erleichtert nicht nur die Wiederverwertung und das Recycling, sondern schafft auch mehr Transparenz über Produktionsbedingungen und Qualitätsstandards.
Gleichzeitig werden Informationen verfügbar, die bisher oft verloren gingen, etwa zur Materialzusammensetzung, Herstellung oder zu Rücknahmemöglichkeiten. Diese Daten bilden die Grundlage für funktionierende Stoffkreisläufe und helfen Unternehmen, Materialien gezielt im Kreislauf zu halten.
Die Plattform Circular.fashion schafft für Unternehmen in der Mode- und Textilindustrie einen transparenten Informationsfluss entlang der gesamten Lieferkette. Jedes Kleidungsstück erhält eine digitale Identität in Form einer scanbaren circularity.ID. Dahinter stehen Informationen zu Materialien, Herstellung und Rücknahmemöglichkeiten, die sowohl für Nutzerinnen und Nutzer als auch für Sortier- und Recyclingunternehmen zugänglich sind. Dadurch wird die Rückführung von Textilien vereinfacht und hochwertiges Faser-zu-Faser-Recycling ermöglicht.
Darüber hinaus analysiert die Plattform Materialzusammensetzungen und identifiziert geeignete Wege für Wiederverwendung und Recycling. Ergänzende Design-Guidelines und Materialdatenbanken unterstützen Unternehmen dabei, bereits in der Entwicklung recyclingfähige Materialien auszuwählen und kreislauffähige Arbeitskleidung systematisch zu gestalten.
Handlungsfeld 3
Die Lebensdauer von Arbeitskleidung verlängern und Materialien weiter nutzen
Arbeitskleidung besteht in der Regel aus hochwertigen und langlebigen Materialien. Trotzdem wird ein grosser Teil ersetzt und entsorgt, obwohl er funktional noch nutzbar wäre. Eine Herausforderung liegt darin, dass Arbeitskleidung oft nicht in klassische Secondhand-Kreisläufe überführt werden kann, etwa aus Gründen der Identifikation oder Hygiene.
Umso wichtiger ist eine vorausschauende Planung, die alternative Nutzungsmöglichkeiten schafft und den Wert der Materialien erhält. Genau hier liegt ein direkter wirtschaftlicher Hebel. Durch Reparaturen, professionelle Pflege oder den Austausch einzelner Elemente lässt sich die Nutzungsdauer von Arbeitskleidung deutlich verlängern. Doch auch nach dem eigentlichen Einsatz muss der Lebenszyklus nicht zwingend enden. Viele Materialien können weiterverwendet und in neue Produkte überführt werden, vorausgesetzt, diese Möglichkeiten werden frühzeitig mitgedacht.
Wie viel Potenzial in ausgedienter Arbeitskleidung steckt, zeigt der Modedesigner Daniel Kroh. Statt hochwertige Arbeits- und Schutzkleidung zu entsorgen, zerlegt Daniel Kroh gebrauchte Kleidungsstücke und verarbeitet sie zu Mode, Interior-Produkten und Accessoires. Anstatt im Abfall zu landen, entstehen so neue Produkte mit eigenem Wert. Das verlängert nicht nur den Lebenszyklus der Materialien, sondern schafft auch neue wirtschaftliche Nutzungsmöglichkeiten, da das Ausgangsmaterial gewinnbringend weiterverkauft wird.
Handlungsfeld 4
Arbeitskleidung als Service denken
Ein grundlegender Wandel zeigt sich in der Art, wie Arbeitskleidung bereitgestellt wird. Statt Kleidung zu kaufen und selbst zu verwalten, setzen immer mehr Unternehmen auf Service-Modelle. Bei «Workwear as a Service» bleibt die Arbeitskleidung im Besitz des Anbieters, der den gesamten Lebenszyklus von der Bereitstellung über die Reinigung bis zur Reparatur und Wiederverwendung verantwortet.
Dieses Modell bietet insbesondere für Unternehmen mit hohen Hygieneanforderungen Vorteile, etwa im Gesundheitswesen oder in der Gastronomie. Statt in grosse Bekleidungskollektionen zu investieren, beziehen sie die Nutzung der Arbeitskleidung als Dienstleistung. Das reduziert Anschaffungskosten, vereinfacht die Bewirtschaftung und entlastet interne Ressourcen. Gleichzeitig entstehen Anreize für langlebige, reparaturfähige Produkte, die möglichst lange im Einsatz bleiben.
Genau diesen Ansatz verfolgt CWS mit einem umfassenden Rundum-Service. Das Unternehmen stellt Arbeitskleidung inklusive Rundum-Service bereit. Die Kleidung wird regelmässig abgeholt, gewaschen, bei Bedarf repariert und wieder ausgeliefert. Auch Grössenänderungen, Mitarbeitendenwechsel oder normaler Verschleiss können unkompliziert berücksichtigt werden.
Durch die professionelle Pflege verlängert sich die Nutzungsdauer der Kleidung deutlich. Gleichzeitig sorgt ein etabliertes Rücknahmesystem dafür, dass ausgediente Kleidungsstücke möglichst lange im Kreislauf bleiben. Wenn eine Reparatur nicht mehr möglich ist, werden die Materialien gezielt dem Recycling zugeführt.
Arbeitskleidung als Testfeld für zukünftige zirkuläre Geschäftsmodelle
Für viele Unternehmen ist Arbeitskleidung kein strategisches Kernprodukt. Genau darin liegt die Chance. Als klar abgegrenztes System eignet sie sich ideal, um neue Ansätze der Kreislaufwirtschaft im Alltag zu erproben, Erfahrungen zu sammeln und kreislauffähige Lösungen schrittweise zu skalieren.
Gleichzeitig bietet Arbeitskleidung die Möglichkeit, neue Geschäftsmodelle unter realen Bedingungen zu testen, von Leasing- und Mietmodellen über Rücknahmesysteme bis hin zu digitalen Produktpässen. Die Herausforderungen sind überschaubar, die Erkenntnisse jedoch oft weitreichend. Was bei Arbeitskleidung funktioniert, lässt sich häufig auf andere Produkte, Services und Geschäftsbereiche übertragen.
Entscheidend sind dabei nicht einzelne Massnahmen, sondern ihr Zusammenspiel. Erfolgreiche Kreislauflösungen entstehen dort, wo Materialwahl, Nutzungskonzepte, Serviceangebote und Rückführungssysteme frühzeitig zusammengedacht werden. Genau dieser systemische Blick entscheidet darüber, ob aus einzelnen Initiativen funktionierende Kreislaufmodelle werden.
Damit wird Arbeitskleidung zu mehr als einem Nachhaltigkeitsprojekt. Sie kann als Experimentierfeld für zukünftige Kreislaufmodelle dienen und Unternehmen dabei helfen, Kompetenzen für die nächste Generation von Produkten und Dienstleistungen aufzubauen. Viele der Prinzipien, die heute bei Arbeitskleidung erprobt werden, werden künftig auch in anderen Branchen und Produktkategorien an Bedeutung gewinnen.
Wer heute beginnt, gewinnt deshalb nicht nur wertvolle Erfahrungen im Umgang mit Kreislaufwirtschaft, sondern schafft auch die Grundlage, um neue Marktchancen frühzeitig zu nutzen, regulatorische Anforderungen besser zu bewältigen und langfristig Wettbewerbsvorteile aufzubauen.
Erstveröffentlichung am: 17. März 2022
Über die Autoren
Beneficial Design Institute
Das Beneficial Design Institute ist das renommierte, deutsche Forschungs- und Entwicklungsinstitut für nachhaltige und zirkuläre Mode und Textilien
Milani Design & Consulting
Milani Design & Consulting unterstützt Unternehmen dabei, Kreislaufwirtschaft systematisch in Produkte, Services und Geschäftsmodelle zu integrieren. Von der Strategie über die Konzeptentwicklung bis zur Umsetzung begleitet Milani Unternehmen auf dem Weg zu kreislauffähigen Lösungen.
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