Nachhaltigkeitsnachweise in der Bahnbranche: Welche Nachweise sind für Zulieferer relevant?
Nachhaltigkeit entwickelt sich in der Bahnindustrie zunehmend zu einem Beschaffungskriterium. Betreiber und Hersteller erwarten von ihren Zulieferern Nachweise zu Umwelt, Sozialem und Governance (ESG). Viele Zulieferer stehen deshalb vor der Frage: Welche Nachhaltigkeitsnachweise sind für die Bahnbranche relevant und wie können insbesondere KMU das Thema pragmatisch angehen?
Im Auftrag von Swissrail, dem Verband der Schweizer Bahn- und Mobilitätsindustrie, haben Milani und PROSE den Markt analysiert und relevante Nachhaltigkeitsnachweise verglichen. Der daraus entstandene Report bietet insbesondere KMU eine praxisnahe Orientierung in einem zunehmend komplexen Umfeld.
Nachhaltigkeitsnachweise werden zum Beschaffungskriterium
Nachhaltigkeitsratings, Zertifizierungen und ESG-Tools waren lange eine freiwillige Ergänzung. In der Bahnindustrie werden sie zunehmend Teil von Ausschreibungen und Beschaffungsprozessen. Dahinter stehen verschiedene Treiber. Politische Klima- und Nachhaltigkeitsziele erhöhen den Druck auf Bahnunternehmen, ihren Beitrag zur Emissionsreduktion messbar zu machen. Neue Vorgaben zur Nachhaltigkeitsberichterstattung und zu Sorgfaltspflichten verschärfen die Anforderungen. Und internationale Zuliefernetzwerke machen standardisierte Nachweise wichtiger, um Nachhaltigkeitsrisiken entlang der Lieferkette besser beurteilen zu können.
Im Zuge des Reports wurden auch die drei grössten Schweizer Betreiber SBB, BLS und SOB gefragt, welche Anforderungen sie an ihre Partner in der Industrie stellen. Alle drei Betreiber betonen, dass Nachhaltigkeit nachvollziehbar, messbar und entlang der gesamten Lieferkette verankert sein soll. Für Zulieferer werden Nachhaltigkeitsnachweise damit zunehmend zur Voraussetzung für Ausschreibungen und langfristige Geschäftsbeziehungen.
Welche Nachhaltigkeitsnachweise gibt es?
Der Markt ist unübersichtlich. Die Zahl der Nachhaltigkeitsratings, Zertifizierungen und Tools wächst stetig. Gerade für KMU ist es schwierig, den Überblick zu behalten. Sie müssen häufig dieselben Anforderungen erfüllen wie Grossunternehmen, verfügen aber über deutlich weniger Ressourcen. Genau deshalb wollten wir wissen, welche Nachweise für die Bahnbranche tatsächlich relevant sind und welche Systeme Unternehmen heute realistischerweise berücksichtigen sollten.
Für den Swissrail-Report haben wir deshalb eine systematische Recherche durchgeführt und den Markt breit untersucht. Dabei wurden 39 Anbieter und Ansätze für Nachhaltigkeitsnachweise identifiziert. Betrachtet wurden unter anderem ESG-Reporting-Tools, Lieferketten- und Supplier-Due-Diligence-Lösungen, Bewertungsplattformen, Mitgliedschaften, Standards und Normen. Auf Basis gemeinsam mit Swissrail definierter Kriterien haben wir dann acht Anbieter vertieft analysiert und miteinander verglichen. Entscheidend waren unter anderem die Eignung für KMU und die Bahnbranche, eine breite ESG-Abdeckung, Vergleichbarkeit, Transparenz, Verifizierbarkeit und internationale Akzeptanz.
Eine zentrale Erkenntnis unserer Analyse: EcoVadis hat sich aktuell als der am breitesten akzeptierte Nachhaltigkeitsnachweis in der Bahnbranche etabliert. Das heisst jedoch nicht, dass EcoVadis für jedes Unternehmen automatisch die richtige Lösung ist. Je nach Unternehmensstrategie, Kundenanforderungen und bestehender Nachhaltigkeitsarbeit können andere Instrumente sinnvoll sein. Der Report vergleicht deshalb verschiedene Tools und zeigt deren Stärken, Schwächen und Einsatzmöglichkeiten auf.
Nachhaltigkeitsnachweise beginnen nicht mit einem Tool
Auf dem Weg zu einem guten Nachhaltigkeitsnachweis suchen viele Unternehmen zuerst nach einer Software oder einer Zertifizierung. Aber der entscheidende Einstieg beginnt früher. Viel wichtiger ist, Nachhaltigkeit im Unternehmen zunächst zu strukturieren. Es braucht Klarheit darüber, welche Themen für das Unternehmen relevant sind und welche Massnahmen bereits bestehen.
Deshalb haben wir für Swissrail einen pragmatischen Leitfaden entwickelt, der Unternehmen schrittweise beim Aufbau von Nachhaltigkeitsnachweisen unterstützt. Die darin enthaltenen Empfehlungen sind entlang von vier Schritten gegliedert:
- Grundlagen unternehmerischer Nachhaltigkeit schaffen und Verantwortlichkeiten klären
- Erste Nachhaltigkeitsmassnahmen priorisieren und eine Roadmap entwickeln
- Aktivitäten, Daten und Fortschritte in einem einfachen Nachhaltigkeitsbericht dokumentieren
- Nachhaltigkeit langfristig in Prozessen und im Unternehmen verankern
Viele Unternehmen starten dabei nicht bei null. Schulungen, Energie- und Abfallmanagement oder interne Richtlinien gehören oft bereits zum Alltag. Was häufig fehlt, ist eine nachvollziehbare Dokumentation.
Deshalb lohnt sich zunächst ein Blick auf den eigenen Status quo: Was tun wir bereits? Was können wir heute schon belegen? Und wo bestehen die grössten Lücken? Erst auf dieser Grundlage lässt sich entscheiden, welche Nachweise oder Zertifizierungen für das eigene Unternehmen wirklich sinnvoll sind.
Nachhaltigkeit als Wettbewerbsfaktor
Nachhaltigkeitsnachweise sind längst mehr als ein administrativer Aufwand im Rahmen von Ausschreibungen. Richtig eingesetzt, helfen sie Unternehmen, Anforderungen von Kunden frühzeitig zu verstehen, Risiken in der Lieferkette zu reduzieren und ihre Position in Beschaffungsprozessen und Lieferantenbewertungen zu stärken.
Der eigentliche Mehrwert liegt jedoch nicht im Nachweis selbst. Wer Produkte und Lieferketten systematisch betrachtet, erkennt häufig Potenziale, die weit über eine bessere Bewertung hinausgehen: tiefere Lebenszykluskosten, robustere Lieferketten oder zirkuläre Geschäftsmodelle und Services, die sich im Markt abheben.
Durch unsere langjährige Erfahrung in Ecodesign und Design für die Kreislaufwirtschaft wissen wir, dass die entscheidenden Grundlagen für marktfähige Lösungen bereits in der Produktentwicklung gelegt werden, wie bei der Wahl von Materialien, der Konstruktion, der Wartbarkeit oder der Frage, wie Services mit dem Produkt verknüpft werden können. Nachhaltigkeit wird dann zum Wettbewerbsvorteil, wenn sie nicht erst für Ausschreibungen dokumentiert, sondern von Beginn an in die Entwicklung von Produkten und Services einfliesst.
Über den Report
Der Report «Nachhaltigkeitsnachweise für die Bahnbranche in der Schweiz» entstand im Auftrag von Swissrail und wurde gemeinsam von Milani Design & Consulting und PROSE erarbeitet. Er steht den Mitgliedern von Swissrail zur Verfügung und bietet insbesondere KMU eine praxisnahe Orientierung bei der Auswahl und dem Aufbau von Nachhaltigkeitsnachweisen.
Milani Design & Consulting verbindet strategische Produktentwicklung mit Ecodesign und Kreislaufwirtschaft.
Autor:innen
- Nando Schmidlin, Circular Design Strategist
- Nadine Wolf, Lead Innovation & Circular Business Design
PROSE ist spezialisiert auf Beratung und Engineering im Bereich Bahntechnik und Schienenfahrzeuge.
Autorin
- Chantal Pietsch, Senior Consultant Beschaffung und Nachhaltigkeit
Sie möchten Nachhaltigkeit in Ihre Produktentwicklung integrieren?
Wir unterstützen Unternehmen bei Ecodesign, Kreislaufwirtschaft und nachhaltiger Produktinnovation.
Wie Milani den öffentlichen Verkehr mitgestaltet
Milani entwickelt Produkte und Mobilitätserlebnisse für den öffentlichen Verkehr, von der strategischen Produktentwicklung über die Innen- und Aussengestaltung von Fahrzeugen bis zu Ecodesign und Innovation für Kreislaufwirtschaft.